Barrierefreier ÖPNV in Mannheim mit Licht und Schatten
ADAC hat ÖPNV-Haltestellen in zehn deutschen Städten getestet | Barrierefreiheit wird oft mitgedacht, es gibt aber viel Verbesserungspotential
Mannheim/München. Ein barrierefreier Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) ist kein Extra, sondern eine gesetzliche Vorgabe. Wie gut die Infrastruktur tatsächlich funktioniert, hat der ADAC an 149 Haltesteigen in zehn deutschen Großstädten untersucht, so auch in Mannheim. Das Ergebnis für die Quadratestadt fällt gemischt aus: In mehreren Bereichen schneidet Mannheim überdurchschnittlich gut ab, bei der Orientierung für Blinde und beim selbstständigen Ein- und Ausstieg, vor allem in und aus dem Bus, besteht jedoch weiterhin Handlungsbedarf. Der Fokus des Tests lag auf mobilitätseingeschränkten ÖPNV-Nutzern im Rollstuhl sowie blinden Personen. Unterstützt wurden die Testerinnen und Tester in fast allen Städten von Betroffenen mit Beeinträchtigungen. Meist waren das Rollstuhlfahrende, zum Teil auch blinde Personen. Das Positive vorweg: Der ADAC Test hat gezeigt, dass Barrierefreiheit, die auch Menschen mit Kinderwagen, schwerem Gepäck oder Rollator betrifft, heute in allen untersuchten Städten mitgedacht wird, es gibt aber auch noch viel Luft nach oben für Verbesserungen.
Positive Beispiele aus Mannheim
Bundesweit verfügten 93 Prozent der überprüften Haltestellen über taktile Leitstreifen, die blinden und sehbehinderten Menschen Orientierung bieten und sie auf den Haltesteigen absichern. Mannheim erreicht hier mit 91 Prozent nahezu den bundesweiten Durchschnitt. Bei weiteren zentralen Kriterien schneidet die Quadratestadt überdurchschnittlich ab. So waren 92 Prozent der untersuchten Haltesteige ausreichend breit und ermöglichten damit eine komfortable Nutzung für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Bundesweit lag dieser Wert bei 87 Prozent.
Zudem waren in Mannheim 94 Prozent der überprüften Rampen flach genug und übertrafen damit den Durchschnitt von 84 Prozent deutlich. Alle Radwege in Mannheim in unmittelbarer Nähe der untersuchten Haltstellen waren so geführt, dass Fußgänger sie beim Ein- und Aussteigen nicht queren müssen; im Schnitt liegt dieser Wert im ADAC Test bei lediglich 33 Prozent. Ebenso erfreulich: Die Einstiegspositionen für Blinde waren in der Quadratestadt in 92 Prozent der Fälle markiert (Schnitt: 81 Prozent). Beim schwellenarmen Zugang zu Straßenbahnen tat sich Mannheim ebenfalls positiv hervor mit 41 Prozent gegenüber einem Durchschnittswert von 21 Prozent. Positive Erwähnung finden im ADAC Test vor allem die Haltestellen Rosengarten mit einem durchgängigen Blindenleitsystem ab dem Gehweg über mehrere Fahrbahnen zur Haltestelle, der Strohmarkt mit seinen niedrigen Schwellen beim Einstieg in die Bahn, sowie der Halt Wasserturm als Beispiel für eine schwellenlose Gestaltung und mit mehreren Sitzgelegenheiten.
Negative Beispiele aus Mannheim
Verbesserungspotenzial sieht der ADAC städteübergreifend beim möglichst schwellenfreien Einstieg in Busse und Bahnen, auch wenn sich Mannheim bei den Bahnen positiv abhob. Das nach den Regelwerken empfohlene Spaltmaß liegt bei maximal 5 x 5 Zentimeter für einen möglichst eigenständigen Zugang. In den zehn untersuchten Städten fanden die Testerinnen und Tester lediglich bei drei Prozent der Busse einen nahezu stufenlosen Zugang vor; in Mannheim war kein einziger der untersuchten Bus-Zugänge schwellenarm. Für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer ist die Nutzung des Busverkehrs dennoch in den meisten Fällen möglich. Hierfür werden bei Bedarf manuell bedienbare Rampen eingesetzt – eine Praxis, die während des Tests auch in Mannheim Anwendung fand.
Während die Haltesteige selbst meist über ein gutes Blindenleitsystem verfügten, war das Auffinden der Haltestelle oft schwierig. Nur 58 Prozent der getesteten Haltesteige (Mannheim: 50 Prozent) hatten Auffindestreifen quer über den Gehweg, an denen sich Blinde mit dem Stock orientieren können. Der Lichtblick für Mannheim: Dort, wo es solche Einrichtungen gab, wie beispielweise an der Haltestelle Wasserturm, waren sie nach Einschätzung der Testerinnen und Tester absolut vorbildlich umgesetzt. Auch können seheingeschränkte Personen in Mannheim die Fahrbahn weniger gut überqueren als im Mittel des ADAC Tests (sieben Prozent gegenüber 28 Prozent), gleiches gilt für das Überqueren von Mittelinseln (38 Prozent gegenüber 51 Prozent). Negativ fiel hier eine Fahrbahnquerung an der Friedrichsstraße auf. Rollstuhlfahrende müssen auf einer zweiten Mittelinsel und dem gegenüberliegenden Gehweg ein Stück den Radweg in Gegenrichtung nutzen, um die Fahrbahn schwellenlos überwinden zu können.
Schwachstellen an den Haltestellen rund um das Universitätsklinikum
Die Haltestelle Hauptfriedhof, in der Nähe des Universitätsklinikums, fiel im ADAC Test auf, weil sie an beiden Haltesteigen nur durch eine Vielzahl von Treppen zu erreichen war. Dies ist im Sinne der Barrierefreiheit äußerst problematisch, insbesondere im Umfeld des Krankenhauses. Hier können Betroffene aber auch die Haltestelle Universitätsklinikum nutzen. Beide Haltestellen waren jedoch für Blinde kaum auffindbar, so das Testergebnis.
Entscheidend für Menschen mit Gehbehinderung sind Sitzgelegenheiten. Diese gab es erfreulicherweise an 92 Prozent aller Haltepunkte, zum großen Teil (81 Prozent) auch mit Rückenlehnen; Mannheim erreicht hier 83 Prozent. Armlehnen, auf denen sich Mobilitätseingeschränkte beim Aufstehen abstützen können, waren dagegen Mangelware (elf Prozent) – in Mannheim hatte keine einzige der untersuchten Sitzgelegenheiten eine solche Armlehne.
Was wurde in Mannheim getestet – und wo?
In Mannheim wurden neun Haltestellen mit insgesamt 24 Haltesteigen getestet, sieben davon werden von Bussen angefahren, 17 von Straßenbahnen. Pro Haltstelle wurden drei Bereiche getestet: der Zugang zu den angefahrenen Haltesteigen, die zur Haltestelle gehören, der Haltesteig an sich und seine Ausstattung sowie der Einstieg ins Verkehrsmittel. In der Quadratestadt waren die Haltestellen Marktplatz, Strohmarkt, Wasserturm, Rosengarten, Universitätsklinikum, MA Hauptfriedhof, Neckarau West, Matthäuskirche sowie Friedrichstraße Teil des großen ADAC Tests.
Jan Bühn, zum Testzeitpunkt im Juli 2025 für den ADAC Nordbaden e.V. als Mobilitätsmanager mit vor Ort in Mannheim, fasst zusammen: „Wir haben in Mannheim schon sehr viele positive Dinge beobachten können, sehen aber auch den Handlungsbedarf für weitere Verbesserungen. Der barrierefreie Ausbau darf nicht an den Zuständigkeitsgrenzen aufhören. Die beste barrierefreie Haltestelle nützt nichts, wenn Betroffene sie nicht finden oder barrierefrei erreichen können.“
Das fordert nun der ADAC
Der ADAC fordert, den Ausbau barrierefreier Haltestellen schneller voranzutreiben und das notwendige Budget dafür bereitzustellen. Zuständig sind jeweils mehrere Stellen wie Kommunen, Verkehrsbetriebe und -verbünde sowie Straßenverkehrsbehörden, was die Umsetzung oft verzögert. Gleichzeitig müssen die Nutzungsfristen nach einem barrierefreien Umbau angepasst werden, damit die Haltestellen modernisiert werden können, sobald es technische Neuerungen gibt. Diese Fristen unterscheiden sich je nach Bundesland und Art beziehungsweise Wert der Anlage und liegen in der Regel zwischen zehn und 25 Jahren.
Der Test hat auch gezeigt, dass oft das Fahrkönnen und die Aufmerksamkeit des Fahrpersonals darüber entscheiden, wie treffsicher eine Haltestelle angefahren wird und wie gut dadurch der Einstieg in Bus oder Tram gelingt. Deshalb sind regelmäßige Schulungen des Personals wichtig, denn nicht jede Einschränkung ist auf den ersten Blick oder von Weitem ersichtlich.
Barrierefreiheit endet jedoch nicht bei Rampen und Leitsystemen. Sowohl Betroffene als auch Mitreisende können die Situation im ÖPNV verbessern. Da Rollstuhlfahrende und blinde Menschen häufig nur bestimmte Einstiegstüren und Flächen in den Fahrzeugen nutzen können, sollten diese Bereiche möglichst freigehalten werden. Zur besseren Planung ihrer Verbindungen finden Betroffene in den Apps oder auf den Webseiten vieler Verkehrsunternehmen spezielle Mobilitätseinstellungen mit Informationen zu Aufzügen und barrierefreien Zugängen.
Wie war die Methodik des ADAC Tests?
Unterwegs waren die Testerinnen und Tester in Augsburg, Bielefeld, Braunschweig, Chemnitz, Erfurt, Kassel, Magdeburg, Mainz, Mannheim und Rostock. Voraussetzung für die Auswahl der Städte waren mindestens ein schienengebundenes Verkehrsmittel, das verschiedene Ziele innerhalb der Stadt miteinander verbindet, sowie eine Einwohnerzahl zwischen 200.000 und 350.000 Personen. Für den Test wählte der ADAC vier zentrale und vergleichbare Orte in den getesteten Städten: das Rathaus bzw. der zentrale Ort der Stadt, das größte Einkaufszentrum, das größte Akut-Krankenhaus sowie ein Familien-Hallenbad.
Knapp acht Millionen Menschen in Deutschland haben laut den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts eine schwere Behinderung. Die Beeinträchtigung unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Die Herausforderung des Tests war es deshalb, vergleichbare Parameter zu definieren und gleichzeitig möglichst viele der Betroffenen abzubilden. Der ADAC hat dies mit einem Fachbeirat aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft sowie Interessensverbände und einem erfahrenen Testinstitut, der Firma PB Consult aus Nürnberg, gelöst. Darin wurde beispielsweise entschieden, den Fokus auf mobilitätseingeschränkte und blinde Nutzer zu legen und welche Ziele in jeder Stadt getestet werden sollten.
Alle Testergebnisse gibt es unter adac.de/test-barrierefreier-openv
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