ADAC Test in Mainz: Barrierefreier ÖPNV mit Licht und Schatten
Besonders beim Einstieg in Busse und der Orientierung für blinde Menschen gibt es in Mainz noch Nachholbedarf.
Der öffentliche Personennahverkehr soll für alle Menschen selbstständig nutzbar sein – unabhängig davon, ob sie mit dem Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen unterwegs sind oder eine Sehbehinderung haben. Seit dem 1. Januar 2022 gilt die gesetzliche Vorgabe, den ÖPNV barrierefrei zu gestalten. Wie die Realität aussieht, hat der ADAC im Rahmen eines bundesweiten Tests an nahezu 150 Bus- und Straßenbahnhaltesteigen in zehn deutschen Städten untersucht, darunter auch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz.
Der Test zeigt für Mainz ein zwiespältiges Bild: Positiv ist, dass alle untersuchten Haltesteige über digitale Fahrgastinformationen mit akustischer Ausgabe verfügen und die Bordkanten durch Leitstreifen für blinde Menschen abgesichert sind. Gleichzeitig offenbaren sich deutliche Defizite beim barriere-freien Zugang. Besonders problematisch sind der Einstieg in die Busse, die Orientierung für blinde Menschen sowie die Führung des Radverkehrs im Bereich der Haltestellen.
Einstieg bleibt größte Hürde
Die größte Herausforderung für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste ist – wie bundesweit – der Einstieg in den Bus. Empfohlen wird ein maximaler Abstand von fünf Zentimetern zwischen Fahrzeug und Bordstein, damit Rollstuhlfahrende möglichst selbstständig einsteigen können. Dieses sogenannte Spaltmaß wurde bundesweit lediglich bei drei Prozent der getesteten Busanfahrten erreicht.
Auch in Mainz verfehlten sämtliche getesteten Busse diesen Wert.
Besonders deutlich fiel dies an der Haltestelle Höfchen/Listmann auf, wo ein Spalt von 26 Zentimetern in der Breite und 22 Zentimetern in der Höhe gemessen wurde. An der Oberen Kreuzstraße betrug der Abstand immerhin noch 12 mal 20 Zentimeter. Für Rollstuhlfahrende ist der Einstieg dort nur mit manuellem Ausklappen der Rampe durch das Fahrpersonal möglich.
Haltestellen für blinde Menschen häufig schwer auffindbar
Während die Ausstattung an den Haltestellen vielfach überzeugt, beginnt für blinde Menschen die Herausforderung häufig schon auf dem Weg dorthin. Nur rund 20 Prozent der getesteten Mainzer Haltesteige verfügten über Auffindestreifen, die mit dem Langstock sicher zur Haltestelle führen. Damit gehört Mainz gemeinsam mit Magdeburg zu den Schlusslichtern im bundesweiten Vergleich.
Hinzu kommen unübersichtliche oder nicht ausreichend abgesicherte Querungen sowie Radwege, die unmittelbar durch Haltestellenbereiche verlaufen. An keiner der untersuchten Stellen war die Radverkehrsführung so gestaltet, dass Fußgängerinnen und Fußgänger den Radweg nicht queren mussten. Taktil erkennbare Abgrenzungen fehlten vielfach. Auch an einzelnen Haltestellen dokumentierte der ADAC zahlreiche Hindernisse. So erschweren am Höfchen/Listmann teilweise Kopfsteinpflaster, fehlende Leitstreifen und ungesicherte Querungen den Zugang für Rollstuhlfahrende und blinde Menschen. Teilweise sind Haltesteige zudem stark geneigt.
Am Neubrunnenplatz unterschreitet ein Haltesteig die vorgeschriebene Mindestbreite, wodurch Wendemanöver mit Rollstühlen und der Ein- und Ausstieg über Rampen erschwert werden. Hinzu kommen Engstellen und eine unklare Radverkehrsführung. An der Universitätsmedizin stellten die Tester Stolperstellen durch Risse und Unebenheiten im Fahrbahnbelag an der Überquerungsstelle fest. An der Oberen Kreuzstraße verläuft der Radweg direkt durch den Einstiegsbereich, ohne dass blinde Menschen durch taktile Elemente auf diese Gefahren hingewiesen werden. Auffällig war außerdem, dass Kopfsteinpflaster an mehreren Standorten das Befahren mit Rollstühlen erheblich erschwert.
Gute Informationsangebote, Verbesserungsbedarf bei Ausstattung
Positiv bewertete der ADAC die digitalen Fahrgastinformationen: Alle getesteten Haltesteige verfügen über Infotaster, mit denen Fahrgäste akustische Informationen zu den nächsten Abfahrten abrufen können. Sitzgelegenheiten waren fast immer vorhanden, allerdings verfügten lediglich 70 Prozent über Rückenlehnen und keine einzige Sitzbank über Armlehnen. Gerade diese erleichtern älteren sowie mobilitätseingeschränkten Menschen das Hinsetzen und Aufstehen erheblich.
ADAC fordert schnelleren Ausbau von barrierefreien Haltestellen
Die Ergebnisse aus Mainz spiegeln die bundesweiten Erkenntnisse wider: Zwar wurden in den vergangenen Jahren Fortschritte erzielt, doch bis zu einem wirklich barrierefreien öffentlichen Nahverkehr besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf.
Der ADAC fordert deshalb, den barrierefreien Ausbau von Haltestellen konsequent zu beschleunigen und die dafür notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen. Ebenso wichtig sind regelmäßige Schulungen des Fahrpersonals, damit Busse möglichst präzise an den Haltestellen anfahren und mobilitätseingeschränkte Fahrgäste selbstständig einsteigen können.
Für den bundesweiten Test untersuchte der ADAC nahezu 150 Bus- und Straßenbahnhaltesteige in Augsburg, Bielefeld, Braunschweig, Chemnitz, Erfurt, Kassel, Magdeburg, Mainz, Mannheim und Rostock. In Mainz wurden im Juli und August 2025 zehn Bushaltesteige an vier Haltestellen auf den Strecken zu Dom/Markt, Römerpassage, Universitätsmedizin Mainz und Mombacher Schwimmbad geprüft. Bewertet wurden der Zugang zur Haltestelle, deren Ausstattung sowie der Einstieg in das Verkehrsmittel. Die Vor-Ort-Tests wurden teilweise von Menschen mit Mobilitäts- und Sehbeeinträchtigungen begleitet, um die Alltagstauglichkeit realistisch beurteilen zu können.
Weitere Informationen finden Sie auf adac.de/barrierefrei-test
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