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Mittelrhein | 10.08.2020

Opa Carlos großer Sommer-Roadtrip: Mit 93 Jahren quer durch Europa

Im Juli ging für Carlos (93) ein großer Traum in Erfüllung. Sein Nachbar Torben (20) brachte ihn im alten Mercedes W124 Coupé an die Orte seiner Jugend. An den Atlantik und ans Mittelmeer, 4.000 Kilometer. Auf ihrer Rückreise legte das ungewöhnliche Duo beim ADAC Mittelrhein e. V. in Koblenz einen Boxenstopp ein und berichtete über ihre bewegende Reise

Herbert Fuss, Leiter Verkehr & Technik beim ADAC Mittelrhein e.V. (rechts), lud Carlos und Torben zur Stadtrundfahrt im ADAC Straßenwacht Käfer ein.

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Es ist eine außergewöhnliche Freundschaft, die sich wie ein Drehbuch liest: Karl-Heinz Schulz, genannt Carlos, wünschte sich nichts sehnlicher als mit seinen 93 Jahren noch einmal ans Meer zu fahren und die Stationen seiner Jugend wiederzuentdecken. Denn er selbst ist schlecht zu Fuß und kann wegen seiner Augen nicht mehr Auto fahren. Einmal noch möchte er, Jahrgang 1926, das große Abenteuer wagen. Einmal noch frei sein, einmal noch selbst auf Achse sein. Als Beifahrer.

„Wer im Leben Träume hat, der sollte sich diese erfüllen. Wer mit fast 94 Jahren noch einen letzten Traum hat, dem sollten keine Steine in den Weg gelegt werden“, sagt sein Nachbar Torben Kroker (20).

Gesagt, getan: Von Emmerich aus starteten beide ihr Abenteuer. In Torbens altem Mercedes W124 Coupé klappern beide all jene Orte ab, die Carlos in jungen Jahren kennen und lieben gelernt hat. Über 4.000 Kilometer - von Emmerich über Bregenz, Mailand und Monaco bis nach Eibar im Baskenland, wo Carlos als Soldat invertierte. Mit Rollator und Gehstock sind sie den Erinnerungen auf der Spur, die vor allem von der Zeit während und nach dem Krieg handeln. So kommen sie am 8. August auch nach Koblenz, wo Carlos an der Front kämpfte.

Auf Einladung des ADAC Mittelrhein e. V. legen beide einen Boxenstopp vor dem Hauptsitz in der Viktoriastraße 15 ein. Herbert Fuss, Leiter Verkehr & Technik, lädt beide zur Stadtrundfahrt im historischen ADAC Straßenwacht Käfer ein. Von dort aus geht es zum Kurfürstlichen Schloss, Deutschen Eck und zur Festung Ehrenbreitstein. Beide haben uns viel zu erzählen.

„Ich habe einen Dummen gefunden, der das Ganze mitmacht“, scherzt Carlos bei Ankunft im Innenhof des ADAC Mittelrhein e. V.. Beide waren bzw. sind ADAC Mitglieder und profitierten erst kürzlich von den Leistungen. „Wir blieben mit meinem Mercedes bei einer Einkaufstour in Düsseldorf liegen, aber die gelben Engel waren sofort zur Stelle“, verrät Torben, der eine ADAC Plus Mitgliedschaft hat. Deshalb machten sich beide auch keine Sorgen, die rund 4.000 Kilometer lange Tour mit Torbens altem Mercedes W124 Coupé zurückzulegen.

Wie kam es dazu? Seit vier Jahren mäht Torben bei Carlos den heimischen Rasen, erledigt Einkäufe oder fährt ihn zum Arzt. Die beiden freundeten sich an und schmiedeten dann an Weihnachten 2019 den Plan, gemeinsam auf große Reise zu gehen. Eigentlich wollte Carlos die Reise mit seiner zweiten Frau Elisabeth machen, aber dann wurde sie vor einem Jahr krank, er musste sie beerdigen und schenkte Torben die Reise.

Carlos war viel unterwegs im Leben. Erst der Krieg. Kämpfe in Frankreich, Trommelfell geplatzt, Lazarett in Österreich, Gefangenschaft, mehrmals getürmt, Rückkehr am 1. Januar 1951. „Ich wurde viermal angeschossen und habe Phosphorverbrennungen an Händen und Armen“, berichtet Carlos im Gespräch mit uns. Dann knöpft er sein Hemd auf und zeigt auf ein Loch in seiner Schulter.

Nach dem Krieg kam Carlos in Gefangenschaft. Er arbeitete zunächst für die Franzosen auf einem Weingut, sollte dann aber Minen entschärfen. „Da ist er nach Spanien geflohen, konnte dort als Dreher Arbeit finden und lebte zwei Jahre bei Gastfamilien im Baskenland“, berichtet Torben. So kam er auch zu seinem Spitznamen Carlos.

Dann verbrachte er mehrere Jahre im Ausland („Ich wollte die Welt kennenlernen“) und eröffnete 1957 in Düsseldorf ein Autohaus: Kraftfahrzeuge Karl-Heinz Schulz. Carlos liebt Autos. Sein erstes war ein Opel Olympia, Baujahr 1936. Als Mazda-Autohändler fuhr er zuletzt einen 929, der jetzt in seinem Garten vor sich hin rostet. Seinen Führerschein vom 31. März 1952 hat er zurückgegeben – an seine Bilderwand. Eingerahmt. „Fahren kommt für mich nicht infrage, aber der Lappen ist für mich eine schöne Erinnerung.“

Das Fahren übernahm Torben. Eine Reise quer durch Europa. Ein Roadtrip in die Vergangenheit. Corona war für Torben eigentlich ein Grund, die gemeinsame Reise zu verschieben. Er wollte Carlos, der wegen seines Alters zur Risikogruppe gehört, nicht der Gefahr aussetzen, sich mit dem Virus zu infizieren. Doch Carlos wollte los – nicht irgendwann, wenn sich die Lage verbessert hat, sondern genau in diesem Sommer.

„Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob ich die komplette Tour mit Carlos schaffe. Er hat aber jeden Blödsinn mitgemacht und wir haben uns immer gut ergänzt“, berichtet Torben am Deutschen Eck. Während der Tour gab es keine kritischen Momente, nur ein langer Stau mit Platzregen in Mailand verhagelte kurzzeitig die Stimmung.

Auch die Fahrt im historischen ADAC Straßenwacht Käfer durch Koblenz verläuft problemlos. Nach dem Besuch des Schlosses geht es mit der Seilbahn hoch zur Festung Ehrenbreitstein. Anschließend gibt es Pasta, Wein und Wasser ehe beide zur Weitfahrt gen Norden aufbrechen.

„Der Tag hier in Koblenz mit der Käferfahrt hat uns richtig Spaß gemacht. Und wir kommen wieder, denn ich mag die Eifel im Allgemeinen und den Wein im Besonderen“, freut sich Carlos und setzt sich neben Torben auf den Beifahrersitz. Für ihn war es wohl die letzte große Reise seines Lebens.

„Wir waren schon vor der Tour Freunde und sind es jetzt noch viel mehr“, ergänzt Torben. Diese besondere Freundschaft ist dann wohl das schönste Reisesouvenir, das man sich vorstellen kann.

Zum Videobeitrag von Carlos und Torbens Besuch in Koblenz geht es hier.

 

Auch das Deutsche Eck durfte beim Besuch in Koblenz natürlich nicht fehlen

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